Baden Württembergische -
Lammfleischerzeugergemeinschaft e.V.

Ein Programm für Mensch, Natur und Umwelt
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Das Württemberger Schaf -
Entstehungsgeschichte im Königreich Württemberg und Wiederentdeckung einer traditionsreichen Schafrasse in Süddeutschland

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Zunft und Schäfereigerechtigkeit

Die Geschichte der Schafhaltung nahm im ehemaligen Württemberg einen besonderen Verlauf, denn bis in die ersten Jahrzehnte des 19.ten Jahrhunderts bedurfte es einer hoheitlichen Konzession, um Schafe zu halten. Das "herrschaftliche Recht", nicht nur die eigenen Flächen zu beweiden, sondern auch die der Untertanen, spielte auch für die Ausprägung der landestypischen Wanderschafhaltung eine große Rolle. Zu den Besonderheiten zählte auch die Zunft der Schäfer: Das Hüten einer Herde durch einen nicht gelernten Schäfer war verboten!
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Die Markgröninger Zunftlade der Schäfer.

In welcher Zahl die Obrigkeit auf so genannten "Schafhöfen" selbst Schafe hielt - das entschied sich auch in früheren Jahrhunderten an der jeweiligen ökonomischen Situation und dem Wert der Wolle. Ganz wesentlich war das Zusammenspiel zwischen der Bevölkerungsentwicklung nach Seuchen- oder Kriegszügen und der Verfügbarkeit von Weideflächen. Für die "Herden der Herrschaft" gab es besondere Weiderechte und ob als "Landgefährt", "Triftgerechtigkeit" oder "Schäfereigerechtigkeit" in der jeweiligen Zeit bezeichnet: Die Interessen der Schafhalter und der Grundflächenbesitzer galt es auszugleichen.

Patente und Wollmärkte

Nicht selten griff deshalb die jeweilige Obrigkeit mit Erlassen und Verordnungen die Schafhaltung betreffend ein. Etwa 1688 mussten binnen Monatsfrist Weidebücher für die Herden angelegt werden, um festzuhalten, wer nun wo mit welcher Anzahl Tiere weiden durfte. Ab 1704 musste jede wandernde Herde mit einem aktuellen "Patent" - quasi einer Wandererlaubnis - ausgestattet sein. Im Jahr 1819 - die Wanderschafhaltung ist auf ihrem Höhepunkt - wird in Kirchheim der erste Wollmarkt eingeführt. Ein Markt lockt Käufer an - also regelte man die Uhrzeit an Markttagen, ab welcher "Ausländer" Wolle erwerben durften....
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Das "grobwollige Zaupelschaf" war in Altwürttemberg schon lange verboten, nicht so im neuwürttembergischen Oberschwaben.

Wanderschafhaltung und Heiden

Die Geschichte der Schafhaltung in Württemberg ist  wechselvoll: Ob 200.000 Mutterschafe oder 650.000 Mutterschafe - mit beidem mussten Mensch und Natur im Lauf der Jahrhunderte leben und Erträge erwirtschaften. Die Entstehung der ökologisch besonders wertvollen Wachholderheiden ist hiermit eng verknüpft. Die Wanderschafhaltung begründet sich auf den hoheitlichen Weiderechten und wurde bis in die heutige Zeit verankert. Wie entstand nun das Württemberger Schaf?
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Von der Winterweide in der wärmeren Region zur Sommerweide in Höhenlage - so verlaufen auch heute noch die traditionellen Wanderwege.

Feine Wolle durch Merions

Die enge Verknüpfung der württembergischen Schafhaltung mit den jeweiligen Herrschern bezog sich auch auf die Zuchtarbeit. So verbot Herzog Ulrich in seiner Schafordnung schon im Jahr 1536 die Haltung des krankheitsanfälligen und nur geringe Wollerträge liefernden Zaupelschafs. Für die besonders feine Merinowolle interessierte sich der vielseitig gebildete Herzog Karl Eugen. Nach dem Fall eines strengen Exportverbotes für die begehrten Merinoschafe entsandte der Herzog im Jahr 1786 zwei extra ausgebildete Schäfer und den Dirigent der Ludwigsburger Tuchfabrik nach Spanien, um diese Tiere vor Ort zu erwerben. Die ausgewählte Rasse "ovejas merinos" hob sich einerseits durch ihre besonders feine Wolle hervor und zeichnete sich andererseits durch ihre Marschfähigkeit aus. In der Haltung und Bewirtschaftung der spanischen Wanderherden gab es durchaus Parallelen zur Schafhaltung auf der Schwäbischen Alb. Vielleicht war das der Garant für die erfolgreiche Etablierung der feinwolligen Schafe in Württemberg.
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In Spanien unterschied man zwischen grobwolligen "Standschafen" und "Wanderschafen", die feine Wolle lieferten.

Wanderung nach Münsingen

Mit dem Einzug von insgesamt 104 spanischen und französischen Merinoschafen im Herbst 1786 in Württemberg wurde der Grundstein für den Aufbau einer eigenständigen Schafrasse - dem Württembergischen Schaf - gelegt. Der Einzug darf auch wörtlich genommen werden, legten Schafe und Schäfer den beachtlichen Weg aus dem spanischen Hochland entlang der Pyrenäen doch zu Fuß zurück. Die Tiere wurden zunächst in Münsingen, später in Justingen gehalten. Der Meiereihof Hohenheim - Wohnsitz des Herzogs und heute Versuchsbetrieb der Universität - wurde als Musterbetrieb eingerichtet und mit der Stammzucht beauftragt, die zeitweise auch in Justingen erfolgte.
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Merino-Mutterschaf mit Bezeichnungen für die unterschiedlichen Wollqualitäten.

Das goldene Vlies

Bis Mitte des 19. ten Jahrhunderts spricht man von der "Zeit des goldenen Vlies". Die Wollmärkte sind auf ihrem Höhepunkt, die Wollqualitäten spielen eine große Rolle. Auf dem "Wolle-Weltmarkt" in Kirchheim/Teck wurde im Jahr 1836 für 1,44 Mio. Gulden Wolle umgesetzt. Fortan beging man verschiedene Wege, um das heimische Landschaf mittels Merino-Einkreuzungen zu verbessern. Als "Bastardschafe“ bezeichnete man die Kreuzungstiere aus Landschaf und Merinozucht, die nun kontinuierlich züchterisch bearbeitet wurden. Fruchtbarkeit, Gesundheit, Marschfähigkeit und Fleischigkeit zählten neben dem Wollertrag und der Wollqualität damals zu den verfolgten Zuchtzielen. Dass die breite Landeszucht mit den Merinoschafen verbessert wurde, hebt die württembergische Zuchtarbeit deutlich gegenüber anderen Regionen hervor. Denn in vielen Regionen Deutschlands wurden die edlen Merinoschafe gehalten, häufig handelte es sich jedoch um die Schafherden großer Landgüter, und nicht um die breite Landeszucht.
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Herzog Karl Eugen von Württemberg etabliert die "Schafe mit dem kostbaren Vlies"- spanische Merinos - im Ländle.

Das württembergische Bastardschaf...

Im Jahr 1859 gelten nur noch 13% der insgesamt 609.000 Schafe in Württemberg als "unveredelt". Der Export von "Württembergern" auf den Pariser Schlachtviehmarkt hat Hochkonjunktur. Die Zucht des "Württemberger Bastardschafs" gliedert sich ab 1889 in zwei Zuchtrichtungen: Zur Verbesserung der Schlachtausbeute wurden Merino-Fleischschafe eingekreuzt.

... wird nach 100 Jahren zur Rasse "Württemberger Schaf"...

Im Jahr 1915 entscheidet endlich die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), die Bezeichnung "Bastardschaf" zu ersetzen. Der Rassestandard für das "Württembergische veredelte Landschaf" wird festgelegt und bald in zwei Richtungen bearbeitet, die der Wollqualität und der Fleischigkeit unterschiedliche Gewichtung zukommen lassen. Die hervorragende Rasse – im Alltag nun kurz „Württemberger“ genannt - verbreitet sich auch in angrenzende Regionen wie Hessen, Rheinland-Pfalz, das Elsass, Bayern und auch nach Brandenburg. Im Jahr 1925 lautet das Zuchtziel für das "Württembergische veredelte Landschaf": "Zuchtziel ist die Erzeugung eines frohwüchsigen, gesunden, abgehärteten, für ausgedehnten Weidegang und zum Pferchen geeigneten, marschfähigen und genügsamen Schafes mit einem schweren, gut geformten Körper und hohem Wollertrag."
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Der Landesverband der Schafzüchter Württemberg u. Hohenzollern e.V. hat viel Erfolg auf der DLG-Schau in Hamburg (1951).

... und "Württemberger Lamm"

Haltung und Zucht der „Württemberger“ sind bald nicht mehr auf die Region Württemberg begrenzt. 1927 wird deshalb die überregionale "Arbeitsgemeinschaft für die Zucht des Württemberger Schafes" eingerichtet, an der die tragenden süddeutschen Zuchtorganisationen beteiligt sind. Im Rahmen der nationalsozialistischen "Gleichschaltung" geht die Rassebezeichnung leider zeitweilig unter. Die nun folgenden Jahrzehnte verlangen immer wieder neue Marktanpassungen, die zuletzt in einem fast völligen Verlust des Wollwertes münden. Die Landschaftspflege ist dafür eine neuartige Leistung, die bei den auch heute noch wandernden Schafherden honoriert wird. Mit "Württemberger Lamm" wird die traditionelle Bezeichnung wieder aufgenommen. „Württemberger Lamm“ steht für ein Premiumprodukt der regionalen Schafwirtschaft und stellt für Schäfer und Verbraucher gleichermaßen einen attraktiven Vermarktungsweg dar.
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Schafhaltung mit und ohne Grundbesitz - typisch für Württemberg.

Württemberg - ein Land für Schafe und Schäfer

  • Schafhaltung und Schafzucht in Württemberg dürfen auf eine erfolgreiche und breit erhaltene Tradition verweisen. Seit 1445 ist die Existenz des Markgröninger Schäferlaufs belegt - Markgröningen war zentraler Standort für die Zunftlade der Schäfer.


  • Aus den besonderen regionalen Anforderungen entwickelten sich die Wanderschafhaltung und eine eigenständige Schafrasse, das "Württemberger Schaf".


  • Mit "Württemberger Lamm" wird die Rassebezeichnung für eine Vermarktungsinitiative der Baden-Württembergischen Lammfleischerzeugergemeinschaft wieder aufgenommen.
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Marschfähigkeit ist für Schaf und
Hüter gefragt: Im Barfußrennen wird
die Entscheidung über Schäfer-
königin und Schäferkönig getroffen
(1936).

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